Urs Britt
aus Wattwil hofft, bald mehr Hirsch-Stiere schiessen zu dürfen.
Cupsieger, Herzensverein, Ostschweizer Institution. Der FC St. Gallen ist mehr als ein gewöhnlicher Fussballklub. Klubpräsident Matthias Hüppi (68) gewährt einen raren Blick hinter die Kulissen. Seit Dezember 2017 steht der Ostschweizer an der Spitze des ältesten Fussballklubs des Landes.
Sie haben das Stadion einst als Ihr Revier bezeichnet. Ist es inzwischen Ihr Wohnzimmer?
Nicht ganz. Aber seit Dezember 2017 spielt es in meinem Leben eine grosse Rolle. Mein Büro liegt gleich nebenan, mit direktem Blick auf den Rasen. Ich sitze also nicht in einem sterilen Umfeld, das mit Fussball nichts zu tun hat. Hier erlebst du den Sport unmittelbar. Das Stadion ist längst auch ein gesellschaftlicher Treffpunkt geworden. Menschen unterschiedlichster Herkunft kommen zusammen, verbringen Stunden vor und nach dem Spiel hier – und hoffen natürlich, dass die Mannschaft auf dem Platz etwas liefert.
Vermissen Sie manchmal Ihre frühere Tätigkeit beim Schweizer Fernsehen? Dort hatten Sie einen gesicherten Arbeitsplatz. Heute hängt Ihre Gefühlslage auch von den Resultaten am Wochenende ab.
Ich sass beim Fernsehen auch nicht im Lehnstuhl und liess gemütlich die Jahre vorbeiziehen. Ich musste mich Saison für Saison bewähren. Gerade bei den Skirennen war es wichtig, dass die Zusammenarbeit funktionierte und wir auf einem guten Weg blieben. Ich wollte irgendwann aufhören, wenn die Leute sagten: «Das ist lässig gewesen, schade, hören Sie auf.» Und nicht erst dann, wenn sie fanden, es wäre langsam Zeit.
Nun sitzen Sie auf der anderen Seite des Mikrofons. Ist es ein Vorteil, die Mechanismen des Journalismus zu kennen?
Es ist zweifellos ein grosser Vorteil. Ich verstehe die Aufgabe der Journalisten und weiss, wie wichtig es ist, ihnen gegenüber offen zu sein. Gleichzeitig kann ich jüngeren Spielern oder auch dem Trainerteam Rückhalt geben. Trainer Enrico Maassen weiss, dass ich ihn stütze und mich nicht von der veröffentlichten Meinung beeinflussen lasse. Das respektieren auch die Journalisten. Kritische Fragen gehören dazu. Damit habe ich überhaupt kein
Problem. Als Journalist habe ich oft erlebt, wie Menschen unter Druck geraten und sich plötzlich beeinflussen lassen. Dann treffen sie Entscheide, die gar nicht ihrer eigenen Überzeugung entsprechen. Ich habe die nötige Erfahrung, um standhaft zu bleiben.
Sie sind das Gesicht des FC St. Gallen. Könnte man etwas überspitzt sagen, sie sind der Christian Constantin der Ostschweiz?
(lacht). Ich schätze Christian Constantin sehr. Schon als Journalist habe ich gerne Interviews mit ihm gemacht. Er war ehrlich, direkt und frisch von der Leber weg. Wenn ihn etwas störte, sagte er es. Aber nie von oben herab. Ich hoffe, dass ich eine ähnliche Offenheit an den Tag lege. Dazu gehört auch Gelassenheit im Umgang mit Kritik. Eine gewisse Nähe zum Team ist für mich aber selbstverständlich – und der Professionalität geschuldet. Ich halte wenig davon, Spieler, Trainer oder Leistungen aus der Distanz zu beurteilen. Mir geht es darum, das Ganze zu betrachten. Deshalb bin ich auch in der Pause in der Nähe der Garderobe. Nicht, um Ansprüche zu stellen oder mich in die Arbeit des Trainers einzumischen. Ich möchte einfach zeigen: Ich bin da, und gemeinsam versuchen wir, die Situation zu meistern.
Der Cupsieg im vergangenen Mai war der Höhepunkt Ihrer bisherigen Amtszeit. Wie denken Sie daran zurück?
Ich erinnere mich noch gut an unseren Start. Wir wurden damals beinahe über Nacht eingesetzt, und niemand hatte damit gerechnet. In meiner ersten Ansprache habe ich den Cupsieg als Ziel genannt. Das mag mutig oder sogar naiv geklungen haben. Aber ich wusste, wie die Menschen hier ticken und wie lange sie auf diesen Erfolg gewartet hatten. Seit dem letzten Cupsieg von 1969 waren Jahrzehnte vergangen. Wir standen zweimal im Final und verloren. Beim dritten Anlauf hat es geklappt. Das war eine Riesenfreude – für die Mannschaft, das Trainerteam, alle Mitarbeitenden und natürlich für die Fans. Als danach 50'000 bis 60'000 Menschen friedlich und begeistert in der Stadt unterwegs waren, war das ein unvergesslicher Moment.
Ist der Meistertitel der nächste logische Schritt?
Es wäre vermessen, davon zu reden – nicht nur, weil Lugano bisher überragend spielt. Wir sind nicht in der Favoritenrolle. Das waren wir auch nicht, als wir in der vergangenen Saison Zweiter wurden. Die Meisterschaft ist noch jung, und vieles bleibt eng. Ich bin überzeugt, dass einzelne Punkte am Ende über die Platzierungen entscheiden werden. Wir müssen unsere Arbeit machen und dürfen uns nicht von Tabellenständen verrückt machen lassen.
Das Ausscheiden im Europacup gegen Nordsjælland hat dagegen wehgetan.
Vor allem, weil ich es allen gegönnt hätte. Es ist wirtschaftlich relevant, ob du in die Ligaphase der Conference League kommst. Und es macht einen Unterschied, ob du klar unterliegst oder, wie wir, relativ nahe dran bist. Das war ein Duell auf Augenhöhe, eine tolle Begegnung. Dass wir diese Chance verpasst haben, wurmte uns. Es hat auch mental etwas mit dem ganzen Klub gemacht. Danach musst du aber rasch wieder aufbauen, helfen und stützen. Wir haben anschliessend auch Heimspiele in der Meisterschaft verloren. Das war natürlich nicht das, was wir uns gewünscht hatten.
Eine einzelne Szene – wie der Platzverweis gegen Mihailo Stevanovic - kann im Fussball Millionen kosten. Wie gehen Sie mit solchen Momenten um?
Ich bin keiner, der Schuld zuweist. Schon bei einem der ersten Workshops mit dem neuen Verwaltungsrat im Winter 2017 haben wir gesagt: «No blaming.» Also nicht ständig erklären, wer schuld ist und wer alles richtig gemacht haben will. Situationen müssen selbstverständlich analysiert und besprochen werden. Dafür ist in erster Linie das Trainerteam verantwortlich. Aber ich werde nie auf einen einzelnen Spieler zeigen. Grundsätzlich gilt: Der
Erfolg im Fussball ist nicht planbar. Planen kannst du die Rahmenbedingungen. Du kannst versuchen, sportliche Ambitionen und wirtschaftliche Stabilität in eine Balance zu bringen. Aber du kannst nicht planen, wie ein Spiel ausgeht. Im Cupfinal führten wir 1:0, dann gab es die Rote Karte gegen Lukas Watkowiak. Auch da wurde mir wieder bewusst: Planbar ist gar nichts. Dass wir trotzdem gewonnen haben, lag auch an der Mentalität, die wir entwickelt hatten, um mit schwierigen Situationen umzugehen.
Wie führt man einen Klub in einem derart unberechenbaren Geschäft?
Indem man nicht gleich hyperventiliert. Ich sage immer: Die Wände in einem Stadion haben Ohren. Was du über einzelne Spieler oder andere Menschen sagst, wenn sie nicht dabei sind, kommt irgendwann zurück. Davon bin ich überzeugt. Du musst präsent sein und wissen, wie gearbeitet wird. Deshalb bin ich oft beim Abschlusstraining dabei und höre punktuell bei Besprechungen zum Matchplan zu. Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen. Ich kann auch im Hintergrund bleiben und zuhören. Wenn du dir ein Urteil bilden willst, musst du wissen, was läuft. Dafür nehme ich mir die Zeit.
Auch wirtschaftlich haben Sie den FC St. Gallen auf Kurs gebracht.
Wir hatten von den Aktionären den klaren Auftrag, das strukturelle Defizit auf null zu bringen. Das ist uns gemeinsam innerhalb von zweieinhalb Jahren gelungen. Seither haben wir siebenmal hintereinander ein positives Ergebnis geschrieben. Unser Umsatz ist von rund 22 auf etwa 49 Millionen Franken gestiegen. Das ist eine grosse Verantwortung. Wir haben rund 170 Arbeitsverträge, wobei nicht alle Mitarbeitenden Vollzeit arbeiten. Wir sind ein KMU mit einer entsprechenden Bedeutung für die Region. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass wir keinen Mäzen haben, der Löcher stopft. Wir müssen mit dem haushalten, was wir erwirtschaften.
Bei fast immer ausverkauftem Stadion scheint das Potenzial ausgeschöpft. Hat der FC St. Gallen seine Grenzen erreicht?
Das könnte man so sehen, aber für mich ist wichtiger: Wir stehen gut da, auch im internationalen Vergleich. Aber das ist kein Grund, sich zurückzulehnen. Unser Weg verbindet wirtschaftliche Nüchternheit mit der Emotion, die zum Fussball gehört. Wir müssen diesem Modell treu bleiben. Das heisst nicht, dass andere Wege falsch sind. Aber wir müssen nachhaltig denken. Irgendwann ist meine Zeit vorbei, und dann möchte ich einen Klub übergeben, der eine gute Ausgangslage hat, um weiterzuarbeiten.
Wie lange bleiben Sie noch Präsident?
Das kann ich nicht sagen. Ich stelle mich an der Generalversammlung nochmals zur Wiederwahl. Ich habe aber einen engen Kreis von Vertrauenspersonen, die mir helfen, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Dazu gehören vor allem meine Frau und unsere drei erwachsenen Kinder, die beruflich ganz unterschiedliche Wege gehen und teilweise im Ausland leben. Auch Menschen ausserhalb des Fussballgeschäfts gehören dazu. Am Ende muss ich den Entscheid aber selbst treffen. Dabei geht es nicht nur um mich, sondern auch darum, ob der Zeitpunkt für den Klub stimmt.
Was soll von Ihrer Amtszeit in Erinnerung bleiben?
Dass ich glaubwürdig aufgetreten bin und mich nie verstellt habe. Und dass man in Erinnerung behält, dass ich für den Klub alles gegeben habe, was ich geben konnte. Das bedeutet nicht nur Engagement und Verfügbarkeit. Es geht auch darum, wie man mit den Menschen umgeht, die das Geschick des Vereins mitprägen. Mich fasziniert, was hinter den Kulissen geleistet wird. Unsere Mitarbeitenden gehen die Extrameile, sind kreativ und engagiert. Ich habe das Gefühl: So, wie du dich ihnen gegenüber verhältst, kommt es auch zurück. Dann gehen die Menschen für
dich und mit dir diesen Weg. Das ist entscheidend.
Können Sie sich vorstellen, sich nach dieser intensiven Zeit nochmals neu zu erfinden?
Das weiss ich nicht. Ich bin ja noch da. Ich bin vor allem dankbar, dass ich fit bin und Energie habe – ziemlich viel sogar. Einfach von hundert auf null herunterzufahren, würde meinem Naturell nicht entsprechen. Aber es muss nicht immer auf einer stark exponierten Bühne stattfinden. Vielleicht kommt irgendwann ein kleinerer, ruhigerer Rahmen. Aber nochmals: Ich empfinde meine Zeit beim FC St. Gallen als Geschenk. Natürlich gab es schwierige, sogar sehr schwierige Momente. Aber es ist gelungen, sie gemeinsam zu meistern. Das ist entscheidend. Ob bei einzelnen Spielen, einer Serie von Niederlagen oder bei Themen abseits des Sports: Man muss zusammenstehen und versuchen, die Dinge zum Guten zu wenden.
Thomas Renggli
Lade Fotos..