Urs Britt
aus Wattwil hofft, bald mehr Hirsch-Stiere schiessen zu dürfen.
Drei Weltmeistertitel, drei olympische Medaillen und eine aussergewöhnliche Karriere: Maria Walliser gehört zu den grossen Namen des Schweizer Skisports. Doch die 63-jährige Toggenburgerin hat auch abseits der Pisten viel bewegt. Seit 26 Jahren engagiert sie sich als Präsidentin der Stiftung Folsäure Schweiz. Die Geburt ihrer Tochter Siri mit Spina bifida wurde zum Ausgangspunkt einer persönlichen Mission.
Maria Walliser, Sie waren in den 1980er-Jahren ein Superstar. Heute stehen Sie weniger im Rampenlicht. Sind Sie glücklicher als damals?
Für mein Glück sind Rhythmus und Balance entscheidend. Als Spitzensportlerin war mein Alltag klar strukturiert. Mit unseren Töchtern war es ähnlich: Im Sport bereitete ich mich auf die Saison vor, im Familienalltag koordinierte ich die Termine von Ferien zu Ferien. Heute fehlt mir diese Struktur oft. Das macht mich manchmal nervös und unruhig. Ausgleich finde ich in der Natur, in den Bergen, beim Laufen, Klettern und natürlich beim Skifahren oder auf Skitouren.
Sie wollten nie einfach öffentlich sein, sondern offen bleiben. Was bedeutet das heute?
Momentan ist gerade wieder sehr viel los. Es gibt viele Medienanfragen zu 40 Jahren Ski-WM 1987 in Crans-Montana und zur Weltmeisterschaft 2027. Gleichzeitig startet die neue Präventionskampagne unserer Stiftung. Da bleibt wenig Zeit für Rückzug. Offen bleiben möchte ich trotzdem. Es schadet niemandem, den eigenen Horizont zu erweitern.
Sie beendeten Ihre Karriere mit 27 Jahren - obwohl Ihnen Arthur Cohn den Weg nach Hollywood ebnen wollte. Haben Sie nie bereut, dass Sie diese Chance nicht gepackt haben?
Mein patriotischer Sinn hat mich von der Schauspielschule in den USA abgehalten. Ich konnte nicht einfach nach Amerika verschwinden und all meine Schweizer Träume hinter mir lassen. Es ging mir nie um eine andere Art von Berühmtheit. Ich wollte offen bleiben für Neues, für neue Gefühle, Träume und Herausforderungen.
Im Sport zählt die Zeit. Im Leben nicht. Mussten Sie lernen, dass man nicht immer gewinnen muss?
Nein, das ging von allein. Die wichtigste Erkenntnis war, dass ich die Uhr beiseitelegen und keine Messdaten mehr notieren musste. Den Berggipfel zu erreichen, war das Ziel – nicht, eine möglichst schnelle Zeit zu laufen.
Die Geburt Ihrer Tochter Siri 1991 veränderte Ihr Leben grundlegend. Was hat diese Erfahrung mit Ihnen gemacht?
Eine Familie zu haben, war immer mein Wunsch. Die neuen Aufgaben waren alles andere als einfach. Gerade diese schwierigen Situationen haben uns aber stärker gemacht. Ich fühlte mich wie eine Löwenmutter und entwickelte einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Rückblickend hat sich das positiv auf mich als Mutter und als Mensch ausgewirkt. Zu erkennen, dass jeder sein Rucksäckli zu tragen hat und Menschen kennenzulernen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen: Das ist nicht nur eine Grundschule, sondern eine Universität.
Sie suchen noch immer nach dem richtigen Mass zwischen Engagement für andere und Zeit für sich selbst. Ist Ihnen die Balance gelungen?
Ich suche noch immer. Natürlich wünsche ich mir Zeit für mich selbst. Gleichzeitig gibt es viele Menschen in meinem Umfeld, die gerne Zeit mit mir verbringen möchten – beim Biken, Wandern, Essen, Golfen, Plaudern oder Arbeiten. Es bleibt ein Abwägen, damit beide Seiten der Waage möglichst gleich viel Gewicht haben.
Seit 26 Jahren präsidieren Sie die Stiftung Folsäure Schweiz. Ist daraus eine Lebensaufgabe geworden?
Eigentlich wiederholt sich meine Geschichte. Als Spitzensportlerin gab es für mich eine grosse Aufgabe: mit Haut und Haaren Einsatz zu zeigen. Mit meinem Engagement für die Stiftung ist es ähnlich. Halbherzig passt nicht zu mir! Langsam gehe ich zwar der Pension entgegen, aber Stiftungstätigkeiten kennen kein Ablaufdatum. Wir sind ein tolles Team mit einem tollen Stiftungsrat und kämpfen gemeinsam für das Lebensvitamin Folsäure.
Anfang November startet eine neue Kampagne. Wie wollen Sie damit auch Frauen erreichen, die wenig oder kein Deutsch sprechen?
Die Kampagne baut auf langjähriger Arbeit und wissenschaftlichen Studien auf. Sie erklärt in einfachen Worten, worum es geht. Die Botschaft lautet: Kinderwunsch – Folsäure – drei Monate vorher! Informationsmaterialien, Broschüren und Inhalte für soziale Medien werden in 15 Sprachen übersetzt. Wir verteilen sie über Institutionen wie das Rote Kreuz, Familienberatungsstellen, Schulen, Verbände und Arztpraxen. Ich glaube fest daran, dass wir damit auch Frauen mit Migrationshintergrund erreichen können. Die Botschaft, dass Folsäure helfen kann, das Risiko von Geburtsfehlern wie Spina bifida zu senken, soll noch stärker in aller Munde sein.
In mehr als 80 Ländern wird Mehl mit Folsäure angereichert. Weshalb tut sich die Schweiz damit so schwer?
Studien belegen einen Rückgang bestimmter Geburtsfehler von über 50 Prozent. Das ist erstaunlich, gerade wenn man bedenkt, wie einfach und günstig eine solche Anreicherung wäre. Doch so einfach wie damals bei der Jodierung von Salz ist es heute offenbar nicht mehr. Eigenverantwortung ist in unserem Land definitiv gefragt. Mit der Präventionskampagne unserer Stiftung versuchen wir, das politische Defizit zu überbrücken.
Wie gelingt es Ihnen, Ihre persönliche Betroffenheit mit der sachlichen Aufklärungsarbeit zu verbinden?
Das ist nicht immer einfach, denn als Familie möchten wir uns so gut wie möglich schützen. Neben der Aufklärungsarbeit darf ich aber auch Projekte für mehr Inklusion umsetzen. Dazu gehören Familienweekends und Kids Camps für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Mit Spina Kids unterstützen wir Familien. Wir helfen jungen Erwachsenen auf dem Weg in die Selbstständigkeit, beispielsweise mit einem Zustupf für Fahrstunden. Oder wir fördern die Freude an Bewegung und Sport, indem wir Sportgeräte mitfinanzieren. So wird die emotionale Betroffenheit zu einem Geschenk.
1987 wurden Sie in Crans-Montana Doppelweltmeisterin. 2027 kehrt die Ski-WM dorthin zurück. Was bedeutet Ihnen dies?
Die Erinnerungen bleiben für immer. Weil das Medieninteresse an den goldenen Tagen von damals gross ist, werden sie wieder wach. Noch lieber, als in die Vergangenheit zu schauen, bin ich gespannt darauf, wie sich unsere Skistars an der Heim-WM fühlen werden. Der Druck ist nämlich riesig.
Werden Sie 2027 als ehemalige Weltmeisterin dabei sein?
Alle damaligen Medaillengewinnerinnen und Medaillengewinner sind vom Organisationskomitee und von Swiss-Ski eingeladen. Meine Passion ist klar: mit den Skistars von heute mitzufiebern. Ich würde mir nie anmassen, ihnen Tipps zu erteilen. Wenn immer es geht, versuche ich, selbst Ski zu fahren und die Atmosphäre zu geniessen.
Sie stammen aus dem Toggenburg. Wie viel Heimat steckt heute noch in Ihnen?
Tugenden aus der Kindheit können sich verändern. Die Liebe zu meiner Heimat bleibt für immer. Besonders verbunden fühle ich mich mit den sieben Churfirsten, dem Wahrzeichen des Toggenburgs. Dort oben habe ich einen weiten Blick in alle vier Himmelsrichtungen. Das nenne ich Weitblick – und den möchte ich mir unbedingt in vielen alltäglichen Dingen bewahren.
Was würden Sie einer jungen Frau aus dem Toggenburg mit auf den Weg geben, die grosse Träume hat? Und was soll eines Tages von Maria Walliser bleiben – jenseits der Medaillen und Titel?
Grosse Träume sind gut. Aber wir müssen sie auch leben. Und ja, eines Tages heisst es dann: RIP!
Thomas Renggli
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