Félix Brunschwiler
zeigt sich enttäuscht über das Nein zur Tiefgarage in Schmerikon.
Leo Gehrig ist Psychologe, Lehrer und Autor von Fachbüchern. Nun schlägt der 80-Jährige einen anderen Weg ein: Mit «Die Schlafzimmertür – Geschichten aus dem Unterholz» veröffentlicht er erstmals ein literarisches Werk. Die Kurzgeschichten führen zurück in seine Kindheit im Untertoggenburg und erzählen vom Leben einer Grossfamilie.
Region Vor 60 Jahren war Leo Gehrig als Lehrer tätig. Danach machte er sich als Psychologe und Autor von Fachbüchern einen Namen. Die Freude am Schreiben und Formulieren begleitete ihn schon lange. «Irgendwann dachte ich: Ich schreibe eine Geschichte», erzählt er. «Mit ihnen kann man so viel ausdrücken und gleichzeitig Freiraum für Interpretationen lassen.» Entstanden ist daraus ein ganzes Buch mit Kurzgeschichten. Dieses lag jedoch lange in der Schublade. Erst auf Drängen eines Freundes entschied sich Gehrig in diesem Jahr, das Werk zu veröffentlichen. Die Geschichten spielen im fiktiven Dorf Wolfenswil, das jedoch unverkennbar Gehrigs Heimatdorf Wolfertswil darstellen soll. Viele Begebenheiten haben einen wahren Kern und basieren auf Erlebnissen aus seiner Kindheit in einer Familie mit zwölf Kindern. Leserinnen und Leser aus dem Dorf hätten ihm bereits bestätigt, dass sie die damalige Zeit und die beschriebenen Orte wiedererkennen würden.
Die Erzählungen gehen von den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart. Sie handeln von Armut, Religion, Familie, Liebe und Tod, aber auch von den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Mal humorvoll, mal nachdenklich schildert Gehrig den Alltag einer Arbeiterfamilie und wirft gleichzeitig Fragen auf, die bis heute aktuell geblieben sind. «Ich möchte die Menschen zum Denken anregen», sagt er. «Sie sollen sich fragen:
Wie ist das denn heutzutage?» Besonders interessiert ihn der Vergleich zwischen früher und heute. In einer Erzählung glaubt ein Mädchen beispielsweise, sterben zu müssen, nachdem mehrere Menschen im Dorf gestorben sind. Sie setzt sich allein mit ihrer Angst auseinander und findet Trost in der Kirche. «Heute würde man vielleicht eher psychologische Hilfe suchen», sagt Gehrig. Da er selbst Psychologe ist, interessieren ihn die aktuellen Entwicklungen sehr. Früher hätten die Menschen oft ein Leben lang denselben Beruf ausgeübt und sich an klare gesellschaftliche Normen halten müsse. Heute sei das anders, denn man stehe vor zahlreichen Möglichkeiten. «Das ist einerseits eine Chance, aber gleichzeitig auch eine Herausforderung», findet Gehrig. Gerade für Jugendliche sei es schwieriger, eine Identität zu entwickeln. «Sie werden mit so vielen Modellen überschwemmt, wie man sein könnte und wie man leben könnte. Wer nicht lernt, bewusst zu wählen, kann sich leicht verlieren.»
Auch persönliche Erfahrungen fliessen in das Buch ein. Nachdem Gehrig selbst schwer erkrankt war, setzte er sich intensiv mit dem Leben und dem Tod auseinander. Diese Themen finden sich nun in mehreren Geschichten wieder. Dabei gelangt Gehrig immer wieder zur gleichen Erkenntnis: «Entscheidend sind gute Beziehungen zu anderen Menschen.» Trotz der ernsten Themen fehlt es dem Buch nicht an Humor. Besonders ans Herz gewachsen ist dem Autor die titelgebende Geschichte «Die Schlafzimmertür». Darin schreiben zwei seiner Brüder einen Reim an die Schlafzimmertür der Eltern: «Lieber Johann mein! Lass das Störcheln sein! Sonst schlägt es nochmals ein! Deine Söhne!» Die beiden wollten verhindern, dass die Familie noch weiterwächst. Mit Erfolg, wie Gehrig lachend erzählt: «Danach gab es keine weiteren Kinder mehr.»
Shannon Senn
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