Raimond Gatter
unterstützt bei Rokj weniger privilegierte Kinder aus den Regionen Linthgebiet, Obersee…
Spielen. Improvisieren. Experimentieren mit Stimme und Körper. Philosophieren, Diskutieren. Und gemeinsam ein Theaterstück entwickeln, das unsere Gegenwart befragt – dringlich, poetisch und unbequem. Dafür steht die Theatergruppe In Szenario der Kantonsschule Wattwil.
Wattwil Der als Freifach angebotene, ganzjährige Theaterkurs ermöglicht Schülerinnen und Schülern, Theater nicht nur theoretisch zu begreifen, sondern als lebendige Kunstform zu erfahren. Im Zentrum stehen Spiellust, Ausdruckskraft, Auftrittskompetenz und das Erlernen des Handwerks. Die Teilnehmenden entdecken sich als Einheit von Körper, Geist und Gefühl – und entwickeln zugleich zentrale soziale Kompetenzen: den eigenen Spielraum behaupten, den der anderen respektieren und sich in fremde Lebensrealitäten einfühlen. Diese intensive Arbeit mündet jedes Jahr in ein Ensembleprojekt mit öffentlichen Aufführungen. Die Produktionen der Kanti Wattwil haben Tradition und wurden schon an renommierte Festivals eingeladen.
Auch in diesem Jahr entsteht aus dem gemeinsamen Prozess heraus ein Stück, das den Nerv der Zeit trifft: «Das Johanna-Syndrom» – eine alte Empörung neu erzählt. Jeanne d’Arc: Heilige, Rebellin, Projektionsfigur. Ihre Geschichte ist ein Mythos – und zugleich eine brennende Frage an die Gegenwart. Was treibt einen Menschen an, gegen Widerstände aufzustehen? Was bleibt von Wahrheit, wenn Macht sie formt? Und wer erinnert sich an jene, deren Stimmen nie gehört wurden? Die Inszenierung erzählt im ersten Teil die Geschichte der jungen Frau aus Lothringen in konzentrierter Form. Im zweiten Teil weitet sich der Blick: Neun Frauenbiografien aus verschiedenen Epochen treten in Dialog mit Johanna. Ihre Schicksale spiegeln sich, überschneiden sich und verweisen auf eine Realität, die bis heute fortwirkt. Das Stück wurde unter der Leitung der Regisseurin Barbara Bucher, der Musikerin Claudia Dischl und dem Theaterautor Michael Hasenfuss selbst entwickelt. So entsteht ein vielschichtiger Theaterabend über Identität und Ideale, über Mut und Ohnmacht – und über die drängende Frage, was ein einzelner Mensch in einer aus den Fugen geratenen Welt bewirken kann.
Die künstlerische Leitung, Barbara Bucher, möchte mit Jugendlichen ein Theater schaffen, in dem alles verhandelbar wird – ein Raum, der vom Wesen, den Fragen und der Haltung der Spielenden selbst durchdrungen ist. Authentizität, Musikalität und die unmittelbare Nähe zum Zeitgeschehen, verbunden mit Poesie und einer kraftvollen Bildsprache, bilden dabei das Fundament. Entscheidend ist jedoch: Die Jugendlichen wählen Inhalt, Thema und Form ihres Stücks eigenständig. Gerade darin liegt die besondere Qualität dieses Prozesses – in der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Fragen, die sie wirklich bewegen. So wird Theater zu kultureller, politischer und persönlicher Bildung zugleich: ein Ort, an dem Identität erprobt, Haltung entwickelt und die Welt reflektiert werden kann. Die Bühne wird zur Plattform, auf der junge Menschen ihre Perspektiven sichtbar machen und sich mit hochaktuellen Themen auseinandersetzen – nicht abstrakt, sondern existenziell. Theater bedeutet hier, Empathie einzuüben, sich in andere Lebensrealitäten hineinzudenken und Geschichte als lebendigen Resonanzraum zu begreifen. Theater verändert vielleicht nicht die Welt im Grossen – aber es verändert die Wahrnehmung, das Denken und das Leben derjenigen, die es machen. Und genau darin liegt seine unverzichtbare Kraft. Nach Produktionen wie «Pest», «Amadeus», «Fairy Tales Reloaded», «Momo» und «König Ubu» bringt In Szenario erneut eine eigenständige Arbeit auf die Bühne – intensiv, vielstimmig und hochaktuell.
⋌pd/shs
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