Werner Rüegg
ist seit 1978 Mitglied des Schützenvereins Walde–St.Gallenkappel.
Eine Maturaarbeit mit überraschender Spurensuche: Der Nesslauer Gymnasiast Jan Hartmann entdeckt bei seinen Recherchen zur Relativitätstheorie eine fast vergessene Verbindung zwischen dem weltberühmten Physiker Albert Einstein und dem Toggenburg. Im Zentrum steht Einsteins früher Hausvater Jost Winteler, der in der Region aufwuchs.
Toggenburg Bei Albert Einstein denken die meisten zuerst an die Physik, manche vielleicht etwas vertiefter an die Relativitäts- oder Quantentheorie. Mit dem Toggenburg jedoch dürften ihn die wenigsten in Verbindung bringen. So erging es auch dem Gymnasiasten Jan Hartmann. Für seine Maturaarbeit an der Kantonsschule Wattwil recherchierte er zum Thema Raumzeit und beschäftigte sich hierfür mit Einsteins Relativitätstheorie sowie mit seiner Rolle in der frühen Entwicklung der Quantentheorie, die unter anderem von Max Planck begründet und später von Physikern wie Werner Heisenberg weiterentwickelt wurde. Der 21-Jährige ist schon lange von dem Wissenschaftler fasziniert.
Während der Arbeit an seiner Maturaarbeit stiess Hartmann in einer 800-seitigen Biografie von Einstein auf den Namen Jost Winteler. Winteler war von 1895 bis 1896 Einsteins Hausvater, als dieser seine Matura an der Kantonsschule Aarau absolvierte. Geboren wurde Winteler aber in Glarus – ein Detail, das Hartmann aufhorchen liess: «Da er von der anderen Seite der Churfirsten stammte, fragte ich mich, ob es eine Verbindung zum Toggenburg gibt», sagt er. Um das herauszufinden, kontaktierte Hartmann unter anderem die Ratsschreiberin von Nesslau sowie die Gemeinde Wattwil. So stiess er auf unzählige Dokumente, die er alle durchforstete. «Die Recherchen zeigten, dass Winteler als Jugendlicher in Krummenau wohnte und in Nesslau zur Schule ging», fasst Hartmann zusammen. Nach über 40 Jahren als Lehrer im Aargau kehrte Winteler ins Toggenburg zurück und starb schliesslich in Wattwil.
Albert Einstein hat also während einem Jahr bei jemandem gelebt, der tief mit dem Toggenburg verwurzelt war, und wurde in dieser Zeit stark geprägt: «Für Einstein waren die Wintelers wie eine zweite Familie», erzählt Hartmann. Jost Winteler war Dichter und Wissenschaftler und interessierte sich besonders für die Ornithologie, die Vogelkunde. Er war ein Freigeist, der zu seinen Überzeugungen stand, und mit dem der junge Einstein über Gott und die Welt reden konnte. «Er fühlte sich von Jost Winteler ver-standen», so Hartmann. Auch nach diesem Jahr blieben die Familien eng verbunden: Wintelers Sohn heiratete Einsteins Schwester, und Einstein selbst hatte eine kurze Beziehung mit Wintelers Tochter Marie. Aufgrund dieser Erkenntnisse entschied sich Hartmann, seiner Maturaarbeit einen Exkurs zum Toggenburg anzufügen, in dem Jost Winteler vertieft beleuchtet wird.
Hartmann ist überzeugt, dass Jost Winteler im Toggenburg zu wenig gewürdigt wird. «Die meisten wissen nichts von ihm oder seiner Verbindung zu Einstein», sagt er. «Dabei zeigen solche Bezüge, dass Geschichte oft näher ist, als man denkt.» Hartmann selbst ist sehr beeindruckt von dem Dichter und Wissenschaftler. Gerne würde er wissen, wie dieser die Zeit erlebte, in der er Einstein als Unterstützer und eine Art zweiter Vater begleitete – und ob er ahnte, welche Bedeutung seinem Schützling künftig zukommen würde. Für seine eigene Zukunft hat Jan Hartmann bereits klare Pläne: «Nach dem Gymnasium möchte ich an der ETH Zürich Physik studieren, mit besonderem Interesse im Bereich Astrophysik.»
⋌shs
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